Akademiker lieben alte Vornamen

Neulich hatte ich die „Studie zur schichtenspezifischen Vornamenvergabe in Deutschland“ vorgestellt und bin gar nicht überrascht darüber, dass die Definition der sozialen Schichten Anlass zur Diskussion gab. Ich habe die Daten jetzt etwas anders gruppiert und die sozialen Gruppen anders benannt: Aus den ursprünglichen vier Gruppen „Oberschicht / obere Mittelschicht / untere Mittelschicht / Unterschicht“ sind drei Gruppen „Studierte / Ausgebildete / Ungelernte“ geworden. Den so aufgeteilten Datenbestand aus der obengenannten Studie (eine Stichprobe der Geburten des Jahrgang 2004) habe ich den von mir recherchierten Vornamenhitlisten der Geburtsjahrgänge 1904, 1929, 1954, 1979, 2004 und 2015 gegenübergestellt. Konkret habe ich gezählt, wie viele der Vornamen je nach sozialem Umfeld zu den 30 häufigsten Vornamen der Jahrgänge gehören.

Anteil in den Top 30

Dabei zeigte sich, dass Akademiker alte Vornamen lieben: Nur 3 Prozent der Eltern ohne Berufsausbildung entschieden sich 2004 für einen Vornamen aus den Top 30 von 1904, dagegen bekamen fast 11 Prozent der Kinder mit studierten Eltern einen solchen Namen.

Gleichzeitig sind die Akademiker auch Trendsetter, denn wesentlich mehr Eltern mit Studium vergaben einen im Jahr 2015 beliebten Vornamen als Eltern mit Berufsausbildung und Ungelernte.

Für alle, die es genauer wissen möchten, habe ich hier meine Analyse etwas ausführlicher beschrieben: Akademikerkindernamen zwischen Tradition und Moderne.

Thema: Namensgebung

Autor:

Knud Bielefeld ist Vornamenanalytiker und erstellt Jahr für Jahr eine Auswertung der beliebtesten Vornamen Deutschlands.

12 Kommentare zu "Akademiker lieben alte Vornamen"

  1. Maria Theresia sagt:

    Diese Unterteilung nach (Aus-)Bildungsgrad finde ich wesentlich aussagekräftiger.
    Dabei können dann auch die bei den Kommentaren zu der Studie erwähnten Unschärfen wie „arbeitsloser Akademiker gehört zu welcher Schicht??/ Was ist mit einem Adligen ohne Hochschulabschluss“ etc. umgangen werden. Bildung ist, wie AGNES richtig gesagt hat, etwas, was man nicht mehr verlieren kann.

  2. Rebecca Sophie sagt:

    Interessant, und auch noch mal aussagekräftiger als die „erste Studie“, weil sie zum einen präzisere Kriterien vermittelt, sowohl bezüglich der Schichten, als auch bezüglich der Namen die in den verschiedenen Schichten vergeben werden.
    Ich bin überrascht wie viele Namen aus der Elterngeneration vergeben werden, während die Namen der Großeltern sehr unpopulär sind. Allerdings habe ich mal gehört, dass Eltern häufig die Namen ihrer eigenen (Ur)großeltern wieder vergeben würden, auch wenn man den Nachbennenungs effekt außer Acht lässt, ich hätte aus diesem Grund insbesondere bei den Akademiker(söhnen) eine höhere „Trefferquote“ vermutet, allerdings ohne mir die damaligen Hitlisten angesehen zu haben

  3. lenchen sagt:

    Die Studie ist auf jeden Fall besser als beim letzten Beitrag.
    Allerdings muss ich anmerken, dass ich anscheinend zu den „Ausnahmeprozenten“ gehöre:
    Meine Eltern waren beide keine 17 Silvester auf der Unität (Elektriker und Krankenschwester) und gaben mir einen altvattrischen Namen: Helene. Wobei ich sagen muss, der Aufschrei in der Familie war damals angeblich groß, weil DAS ARME KIND!

  4. Nadja sagt:

    Jetzt muss ich aber wieder „meckern“. Wie zählen Eltern, von denen ein Teil einen Hochschulabschluss und ein Teil eine Ausbildung hat? Der höhere Abschluss, der niedrigere? Gar nicht? In beiden Kategorien? Die Kombi dürfte ja gar nicht so selten sein – zumindest in meiner Familie ist sie sehr oft vertreten.

    • Knud sagt:

      Der höhere Abschluss zählt. Beispiel: Wenn die Mutter Richterin ist und der Vater Hilfsarbeiter, wird der Kindername als „studiert“ gewertet.

    • Nadja sagt:

      Danke für die Info. Wobei die Vorgehensweise direkt die Frage nach sich ziehen könnte, ob tatsächlich der besser Ausgebildete die Namenswahl beeinflusst.

      Und ich merk grad, dass mein Posting ziemlich schroff klingt – war gar nicht so gemeint.

  5. Lasse sagt:

    Naja, ich habe das Gefühl, das viele Akademiker bewusst verstaubte Namen benutzen, um ihre Familie älter und noch gebildeter wirken zu lassen.
    Während es mir bei den Ausgebildeten auffällt, dass diese eher nach Klang und Schreibweise gehen.

    Von ungelernten Eltern habe ich bisher leider immer die gruseligsten Kindernamen gehört. (Desteny-Sahara, Joelle-Justine, die leider scho-el-le Schas-ti-ne gesprochen wird, aber auch Talisha, Fynn und Dustyn waren dabei.)

    Ich kenne auch zwei Finns, die Akademikerkinder sind, aber die haben die originale Schreibweise mit i erhalten.
    Ein y ist ein meiner Stadt mittlerweile ein schlechtes Omen.

    Die Kinder in meiner Nachbarschaft haben eigentlich alle ausgebildete Eltern, manche sogar mit Meister.
    Die Namen die ich dort gehört habe sind: Tobias, Florian, Fabian, Lisa, Mia, Hannah, Josie & Benni (Zwillinge), Tom, Mark und Luna.
    Das sind zwar alles keine alten Namen, oder besonders spießige, aber sie wirken auch nicht krampfhaft modern und die Kinder scheinen keine Probleme mit ihren Namen zu haben.

    Für mich persönlich bestätigt sich dieser Artikel in meinen Erfahrungen.

    • Jan sagt:

      Lasse,

      nur kurz und etwas unbestimmt: wiederum eine sehr kluge, alltagstaugliche Systematisierung, wie ich sie hier kaum je gelesen habe.

      Eben nicht nur die Unterscheidung zwischen den „Charlottismen“ (Hubertus, Charlotte, Leander, Philipp, Karl Otto Friedrich Anton) der sich selbst als (Möchtegern)-Oberschicht definierenden „mittleren Mittelschicht“ und den Chantalismen der abgehängten Unterschicht – sondern auch die Feststellung, daß es dazwischen noch eine solide „Namens-Mitte“ gibt. (Was die wirkliche Oberschicht macht, die sich auch nur durch den Schotter definiert, ist dann wieder eine andere Frage.)

      Tobias, Florian, Fabian, Lisa, Mia, Hannah, Josie & Benni (Zwillinge), Tom, Mark und Luna.
      Das sind zwar alles keine alten Namen, oder besonders spießige, aber sie wirken auch nicht krampfhaft modern und die Kinder scheinen keine Probleme mit ihren Namen zu haben.

      So ist es wohl. Irgendwie müssen Knuds Bestenlisten ja zustande kommen.

      Sehr, sehr guter Kommentar.

    • neuhier sagt:

      Lasse, auch ein Kompliment von mir – sehr schön geschriebener Kommentar.

      Eigentlich ist dem nach meiner Erfahrung auch nur ein Punkt hinzuzufügen: das Alter der Eltern spielt noch eine wesentliche Rolle. Andere Akademikereltern, die wie wir recht jung Kinder hatten (U30), geben in der Regel auch noch Namen der Kategorie: weder gewollt alt, noch krampfhaft modern. Das ändert sich mitunter dann beim zweiten Kind, sofern es mit genügend hohem Abstand folgt.

    • Jan sagt:

      Könnte es sein, daß bei dem von neuhier geschilderten Phänomen folgendes zumindest eine Rolle spielt: Junge Leute (und Leute unter 30 sind heute nun einmal de facto noch Jugendliche, gerade in den akademischen Milieus) neigen eher dazu, das zu machen, was ihre Generationsgenossen, ihre „Clique“ sozusagen, machen. So vergeben sie also moderate Modenamen, Namen aus den Bestsellerlisten. Wenn sie älter werden, werden sie (freundlich ausgedrückt) vernünftiger und individualistischer oder auch (weniger freundlich ausgedrückt) perfektionistischer. Es soll dann eben auch bei den Kindern alles hundertprozentig optimal gemacht werden, zumal ja auch absehbar ist, daß man nicht mehr viele (wenn überhaupt noch) weitere bekommen wird. Aus diesen Charlottismen spricht ja ein Kalkül: nämlich das der Selbstaristokratisierung und das Schaffen von als optimal empfundenen Startchancen für den Nachwuchs.

    • neuhier sagt:

      Jan, ich glaube, du triffst den Punkt, wenngleich ich denke, dass auch die spätgebärenden Akademiker sich an ihrer Bezugsgruppe orientieren – nur ist die in jungen Jahren eben anders… Zudem hatten wir nicht das Problem, dass wir einen Namen aus den Hitlisten nicht vergeben konnten, nur weil so schon das Kind von XY heißt: wir waren schneller als die anderen ;-).

    • Jan sagt:

      @ neuhier

      dass auch die spätgebärenden Akademiker sich an ihrer Bezugsgruppe orientieren – nur ist die in jungen Jahren eben anders…

      Ja, das wird sicher auch eine Rolle spielen. Bei den jüngeren „akademischen“ Eltern ist diese Bezugsgruppegruppe vielleicht noch durchmischter: ehemalige Mitschüler, Kommilitonen aus anderen Fakultäten, Kneipen- und Disko-Bekanntschaften aus allen möglichen Milieus etc. pp. Während sich das dann bei den älteren, etablierten Akademiker-Eltern auf ein einheitliches Milieu aus dem sanierten Altbau oder den Speckgürteln der Großstädte eingependelt hat.

Kommentieren