Mein seltener Name und ich: Jemima

Ihr Name hätte auch Jennifer lauten können, in ihrem Geburtsjahr 1990 auf Platz 3, Jessica (Platz 7) oder Janina (Platz 14). Derartiger Mainstream lag ihren Eltern allerdings fern: Sie tauften ihr erstes Kind auf den Namen Jemima.

Wie, was, Jemima? Ich muss zugeben, dass mir dieser Name lange nur aus der Klatschpresse bekannt war, von der britischen Societygröße Jemima Khan, die vor einigen Jahren mit Schauspieler Hugh Grant liiert war. Deshalb fällt es mir auch erst mal schwer, mich an die deutsche Aussprache zu gewöhnen. Die gebürtige Hamburgerin Jemima weiß, dass ihr Name im englischsprachigen Raum tatsächlich viel bekannter ist. Laut dem Duden-Vornamenlexikon ist er dort seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlich.

Jemimas Eltern hatten ein Vorbild für eine deutsch gesprochene Jemima: „Die älteste Tochter von Bekannten hieß so.“ Vor allem aber gefiel ihnen, was in „dem wichtigsten Buch der Welt, der Bibel“ über die Töchter des Hiob stand: „Er (Hiob) bekam noch sieben Söhne und drei Töchter. Die erste nannte er Jemima, Täubchen, die zweite Kezia, Zimtblüte, und die dritte Keren-Happuch, Salbhörnchen. Im ganzen Land gab es keine schöneren Frauen als Hiobs Töchter. Ihr Vater gab ihnen Erbbesitz wie ihren Brüdern.“ Wie auch ihre Eltern ist Jemima Mitglied einer Evangelischen Freikirche. Sie erläutert: „Diese Bibelstelle ist deshalb so besonders, weil normalerweise in der Bibel nur die Namen der Söhne aufgezählt werden. Die Töchter durften sogar erben, was damals nicht üblich war.“ Außerdem habe ihre Eltern beeindruckt, dass die Kinder ein Segen für Hiob waren und – hier muss Jemima schmunzeln – dass sie besonders hübsch gewesen sein müssen.

Mein seltener Name und ich

Jemimas jüngere Schwester heißt aber doch weder Kezia noch Keren-Happuch (endlich weiß ich, woher dieser fremdartige Name, den ich aus „Anne auf Green Gables“ kenne, kommt), sondern – ebenfalls biblisch – Tabita. Einen Bruder gibt es auch: NielsJohannes. Der Name Ni(e)ls war in seinem Geburtsjahr recht geläufig (Platz 27) und auch Johannes weitaus gängiger als die Namen seiner Schwestern.

Als Kind war Jemima stolz auf ihren Namen, „weil sonst niemand außer mir so hieß. Wir hatten drei Lisas und zwei Melanies in der Klasse.“ Als Teenager nervte er sie zeitweise: „Jeder, dem ich mich vorstellte, stellte mir dieselben Fragen: Bist du Ausländerin? Wie schreibt man das? Ist das dein richtiger Name? Ich habe mich in dieser Zeit bevorzugt Mima nennen lassen.“ Auf Mima reagiert sie noch heute: Ihr vierjähriger Sohn und auch die Kinder, deren Erzieherin sie ist, nennen sie gerne mal so. Ihren vollen Namen liebt Jemima aber auch sehr. Seltenheit, Klang, Schreibweise, Bezug zur Bibel – all das gefällt ihr.

Witze über ihren Namen hat sie fast nie gehört. „Anscheinend kann man daraus nicht so viel machen.“ Buchstabieren ist natürlich an der Tagesordnung. „Da muss man drüber stehen – das ist eben so, wenn man einen Namen hat, der nicht so geläufig ist. Auf meiner Krankenkassen-Chipkarte stand eine Zeitlang ‚Jemina‘.“ Häufig komme auch: „Wie heißt du? Das kann ich mir nicht merken!“ Anfangs habe sie diese Aussage stets verunsichert, erzählt Jemima. „Heute antworte ich meistens: Brauchst du auch nicht, frag mich einfach immer wieder. – Bisher hat sich doch noch jeder meinen Namen gemerkt.“ Vor Jahren hatte sie eine Brieffreundin, die auch Jemima hieß und die ihr über eine Anzeige ins Auge gefallen war. „Es war schön, sich auszutauschen.“ Es wurde auch schon ein Kind nach ihr benannt, „eine große Ehre für mich“.

Ihren eigenen Kindern möchte Jemima Namen geben, die „eher selten, aber im deutschen Sprachraum bekannt sind.“ Und Zweitnamen sollen sie haben, weil sie sich das selbst immer gewünscht hätte. Ihr erster Sohn heißt Leopold Elia, für seinen Bruder stehen der altdeutsche Erst- und der biblische Zweitname noch nicht fest.

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Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

17 Kommentare zu "Mein seltener Name und ich: Jemima"

  1. Mark sagt:

    Schöne Geschichte–finde die Beweggründe der Eltern Jemimas sehr schön überlegt.

    Jemimah kommt in Großbritannien häufiger vor, in den USA praktisch nie, da dort Aunt Jemimah eine Karikatur-Figur für eine typische südstaatliche afroamerikanische Mammy ist, wegen der ikonischen Werbefigur für corn syrup. Dem Namen haftet etwas politisch inkorrektes, sogar rassistisches an. Daher ist er tabu. In Großbritannien fehlt diese Konnotation–dort wird auch kein corn syrup konsumiert.

    Kenne in den USA aber ein evangelikal-christliche Familie, die ihre Tochter nach Jemimas Schwester benannt hat, Kezia. Das unter Afroamerikanern beliebte Quisha/Keesha/etc. leitet sich von Kezia ab. Afroamerikaner benannten früher ihre Töchter sehr häufig nach Kezia und Jemima, da sie sich stark mit der Leidensfigur des Hiob identifizierten. So wurde denn auch Jemimah in den USA zum stereotypischen afroamerikanischen Frauennamen, der mit dem Leiden der Afroamerikaner und mit ihrer Frömmigkeit assoziiert war–bis die corn syrup Werbung mit Aunt Jemimah anfing, und den Namen ins Lächerliche zog….

    • Annemarie sagt:

      Vielen Dank, Mark, für diese zusätzliche Facette! Von Aunt Jemimah habe ich (in einer Namensdiskussion) tatsächlich schon mal gehört, hatte sie jetzt aber ganz vergessen.

      Dabei fällt mir ein: Gibt es eigentlich noch Uncle Ben’s Reis? Das ist ja eigentlich eine ganz ähnliche Figur, die ich schon aus meiner Kindheit kenne – die den Namen Ben aber wohl nicht in die Quere kommt.

    • Jan Wilhelms sagt:

      Wirklich eine interessante interessante Information… Die USA sind wirklich ein großes, vielschichtiges Land: man wundert sich als Europäer, daß derlei (also der Produktname mitsamt der Werbefigur) immer noch durchgeht, obwohl die USA ja den Ruf der oft ein bißchen protestantisch-verklemmten politischen Ultra-Korrektheit haben.

      Das mit dem Reis hatte ich mich auch sofort gefragt. Ich meine, daß es zumindest den Markennamen noch gibt: für Reis, Reis-Soßen etc. Aber mir ist ad hoc nicht klar, ob die noch mit einem schwarzen Onkel werben wie sie das früher getan haben.

      Und als Niedersachse überlege ich gerade, wie die entsprechende Werbefigur für Zuckerrüben-Sirup auszusehen hätte. 😉

    • Jan Wilhelms sagt:

      Nachtrag: Es gibt ihn noch, den Onkel Ben:

      http://www.unclebens.de/startseite.html

      Aber auf der aktuellen Startseite (das Preisausschreiben) darf, offenbar zu Entschädigung und Verdachts-Zerstreuung, sogar ein Schwarzer mit am Familientisch sitzen. :mrgreen:

    • Wenke sagt:

      Interessant!

      Ich kenne auch eine Jemima, ebenfalls freikirchlich, und ich kenne auch eine Kezia.
      Und eine Tabitha auch 😉

      Der Niels- vor dem Johannes irritiert mich etwas …

      Leopold Elia gefällt mir sehr! Vor allem Leopold!!
      Sie ist ja sehr früh Mama geworden, wenn ich richtig rechne. Auch etwas, was mir in Freikirchen auffällt 🙂

      Wenke

    • Wenke sagt:

      Und wer ist Keren-Happuch in „Anne auf Green Gables“?

    • Annemarie sagt:

      Niemand, Wenke 😉 Der Name wird nur in einem Dialog über Namen zwischen Anne und Diana erwähnt („Mir würde auch Keren-Happuch gefallen, falls du zufällig so heißen würdest.“)

    • Mark sagt:

      Annemarie,

      Die Überlegung zu Uncle Ben’s Reis ist interessant. Ich denke, hier fungiert wieder das „Ausschließlichkeitsprinzip.“ Wenn ein Name ausschließlich mit einer Person oder einer Art von Person/einem Stereotyp verbunden wird, schadet das dem Namen. Adolf bei uns ist dafür ja das Paradebeispiel.

      Wenn aber ein Name wie Ben/Benjamin von gefühlt jedem zehnten Jungen getragen wird und auch noch Landesväter wie Benjamin Franklin so heißen, dann fügt eine stereotypische Werbefigur dem Namen wenig Schaden zu…. Das Problem mit Jemimah war, dass der Name fast ausschließlich zum afroamerikanischen Namen wurde und dann in der weißen Welt fast ausschließlich mit der ikonischen Werbefigur verbunden wurde.

  2. Mark sagt:

    Bin übrigens selber ein ganz großer Fan des Namens Jemima.

  3. amk sagt:

    Die erste Tochter eines Bekannten heißt auch Jemima (ca. 16 Jahre alt). Finde den Namen auch sehr schön, auch wenn ich mich zugegebenermaßen erst an den Klang gewöhnen musste.
    Der Bekannte selbst (Thomas, von den meisten aber Tom genennt) kommt aus Deutschland, seine Frau (Jo -hier weiß ich alerdings nicht, ob es sich um eine Abkürung handelt…)ist weiße Südafrikanerin; bis vor kurzem haben sie auch in Südafrika gelebt, jetzt leben sie in Sambia. Also beides Länder, in denen der Glaube noch ein große Rolle spielt.
    Die fünf weiteren Kinder heißen übrigens: Maxine (Maxi bzw. Moxi genannt), Benjamin (wird wohl Beana genannt), Samuel (Sammy genannt), Elijah und Lewis.

  4. connywuuh sagt:

    wie wird dieser Name jetzt ausgesprochen? Deutsch oder englisch? Ich frage, weil ich diesen Namen zum ersten Mal höre bzw. sehe. Ich glaub, er gefällt mir gut

    • Annemarie sagt:

      Der Name meiner Interviewpartnerin wird deutsch gesprochen, Je-mi-ma ohne besondere Hervorhebung einer einzelnen Silbe, also nicht „Dschemaima“ oder so 😉

    • connywuuh sagt:

      vielen Dank! Deutsch ausgesprochen gefällt er mir viel besser. Die englische Aussprache hört sich für mich bisschen nach Hartz IV an.

    • Violet sagt:

      Ich mag die Bezeichnung Hartz IV nicht. Nicht jeder, der Unterstützung bekommt, nennt seine Kinder Jacqueline und Justin…

    • connywuuh sagt:

      Du hast recht, ich habe es ein bisschen überspitzt ausgedrückt. Tut mir Leid!

  5. Violet sagt:

    Ich denke bei Jemima immer an die Katze aus Cats (dem Musical). Im Deutschen heißt sie Sillabub. Aber es gibt noch mehr Namen, die abgeändert wurden in verschiedensprachigen Versionen des Stücks 🙂

  6. Annemarie sagt:

    Jemimas zweiter Sohn heißt Julius Immanuel 🙂

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