1000 Dank auch für den Gegenwind

„Wir verraten unseren Namen vorher keinem, weil es eine Überraschung bleiben soll“ – das kann ich noch nachvollziehen. (Obwohl es sich leicht so einrichten lässt, dass mindestens der allergrößte Teil des persönlichen Umfelds überrascht wird, mehr dazu in „Reden Sie darüber“.) Oft heißt es aber auch: „Wir verraten unseren Namen vorher keinem, weil wir ihn uns nicht schlechtreden lassen wollen“. Mag sein, dass eine traumatische Erfahrung mit einem destruktiven Schwippschwager oder einer distanzlosen Schwiegermutter hinter solchen Worten steckt. Trotzdem: Ich bin anderer Meinung.

Die Eltern entscheiden, klar. Zu Tode diskutieren muss man auch nichts. Nichtsdestotrotz kann es sehr, sehr wertvoll sein, Informationen zu seinem Lieblingsnamen zu sammeln sowie einige Meinungen einzuholen. Online-Communities sind auch dafür ideal (in „Namensforen nutzen, aber richtig“ schrieb ich schon, wie man dort richtig viele interessante Namensvorschläge bekommt). Der Knackpunkt ist nur: Wie ordnet man die Meinungen, die man erhält, richtig ein?

Gegenwind © Tamara Kulikova - fotolia.com

Gegenwind © Tamara Kulikova – fotolia.com

Als unsere Tochter geboren wurde, gab es in der Klinik eine Schwester – Schwester Gisela –, die ohne besondere Nachfrage verkündete, wie unschön („zu hart“) sie den von uns gewählten seltenen Namen fand. Wir konnten darüber lachen: Wen interessiert schon, was Schwester Gisela meint?! Eben das wäre mein Rat, wenn Sie Namen im Netz zur Diskussion stellen: Machen Sie sich locker. Filtern Sie diejenigen Punkte heraus, die Ihnen wirklich einleuchten oder die Sie nachdenklich machen. Recherchieren Sie gegebenenfalls weiter dazu. Bei mir zum Beispiel würden Alarmglocken läuten, wenn ich höre, dass ein Unisexname überwiegend für das andere Geschlecht gebräuchlich ist – ständig falsch als Herr/Frau angesprochen zu werden stelle ich mir nervig vor – oder dass die gewählte Schreibweise alles andere als intuitiv ist.

Freuen Sie sich gerne über Zustimmung, aber werfen Sie nach einem oder auch nach zehn pauschalen Verrissen – beliebt sind Formulierungen wie „Denkt doch an das Kind“ (als ob man das nicht täte) oder „Der Name ist eine Strafe“ – nicht gleich alles über den Haufen. Tatsächlich, und das gilt ebenso für Feedback im wirklichen Leben, lässt sich Kritik unter Umständen sogar als Kompliment werten, das kommt ganz darauf an. In was für eine Gruppe hat es Sie verschlagen? Online-Foren sind kein Abbild der Gesellschaft. In dem einen werden amerikanische Namen hochgejubelt und ältere deutsche Namen, die man länger nicht gehört hat, verteufelt, während es andernorts genau umgekehrt ist. Am besten eine Weile mitlesen, bevor Sie Ihre Frage posten.

Wenn Kritik kommt: Mögen Sie denn die Lieblingsnamen Ihrer Kritiker? Falls nicht, brauchen Sie sich das Urteil nicht unbedingt zu Herzen zu nehmen. Mitunter liegen Differenzen auch einfach in fehlenden Informationen begründet. Ihr virtuelles Gegenüber kommt vielleicht aus Bayern und lehnt speziellere nordische Namen deshalb ab. Oder aus der Schweiz, wo man, wie ich schon öfter gehört habe, mit der Renaissance alter Namen wenig anfangen kann. So oder so gilt: Was Sie aus der Kritik machen, liegt bei Ihnen. Kein Name gefällt allen, und das ist auch genau richtig so.

Und noch etwas: Eine Online-Abstimmung zu Ihren Favoriten durchzuführen können Sie sich eigentlich schenken. Das Ergebnis steht bereits fest: Wenn in der betreffenden Gruppe eine bestimmte Namensrichtung dominiert, gewinnt der Name, der dieser am meisten entspricht. Falls die Meinungen geteilter sind und Sie Namen von unterschiedlicher Häufigkeit zur Wahl stellen, gewinnt fast immer der häufigste Name, weil sich auf den die meisten einigen können. Diese Information bekommen Sie aber viel zuverlässiger und schneller durch einen Blick in die Hitliste von beliebte-Vornamen.de.

Thema: Namensgebung

Autor:

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

6 Kommentare zu "1000 Dank auch für den Gegenwind"

  1. Mark sagt:

    Danke für die interessante Reflektion! Ich sehe die Dinge so ähnlich. Finde auch nicht, dass man unbedingt Bammel vor Verrissen der beabsichtigten Namenswahl haben muss. Auch wenn die werdenden Großeltern den Namen ihrer zu erwartenden Enkel nicht schön finden–wäre mir, ehrlich gesagt, doch ziemlich egal. Erstens waren sie mit den Namen der eigenen Kinder dran, und jetzt sind halt ihre Kinde mit dem Benennen dran; und zweitens überwiegt die Freude über das neugeborene Kind sowieso jeglichen Namensverdruss. Auch ist es ja so, dass sich Leute an Namen gewöhnen; selbst wenn sie einen Namen nicht unbedingt schön finden, so nimmt doch die Abneigung mit zunehmender Vertrautheit ab, bis es dann doch ziemlich egal ist, dass der Name ursprünglich ein Stein des Anstoßes war.

    Ob ein Name zu Hänseleien einlädt können die meisten Eltern selber ganz gut abwägen, denke ich. Fast alle Namen können letztendlich zu Hänseleien einladen, und die meisten, die Eltern vergeben würden, sind Namen, an die sich das Umfeld gewöhnen kann. Es gibt natürlich doch auch Namen, die tatsächlich unvorteilhaft sind–aber das Hänseleirisiko wird meistens im Vorfeld einer Namensvergabe übertrieben. Ich kenne sogar eine junge Hiltrud, die unter ihrem Namen nie wirklich gelitten hat. Das hätte natürlich auch anders laufen können–Hiltrud ist schon gewagt. Aber letztendlich spielt der Umgang mit Hänseleien und die Einstellung zu sich selbst eine viel, viel größere Rolle als der Name an sich.

    Wenn man zu sehr auf den Konsens des Umfelds achtet, dann landet man meist bei irgendwelchen „lowest common denominator“ Modenamen. Das sprichst Du ja auch im Artikel an…

    Wenn man aber mit Selbstbewusstsein Reaktionen testet und sich nicht so leicht beirren oder seelisch belasten lässt, dann kann es schon wertvoll sein, Reaktionstrends festzustellen oder auch irgendwelche Aspekte des Namens aufmerksam gemacht zu werden.

    Wir wollten unseren zweiten Sohn ursprünglich Miron statt Stefan nennen. Miron bedeutet „Myrrhe,“ was man ja sogar heraushören kann, und es ist ein griechisch-orthodoxer Heiligenname, der in der rumänischen Familie meiner Frau Tradition hat. Wir sind immer sehr offenherzig und mitteilungsfreudig was unsere Namenswahlen angeht (beziehungsweise, wir waren es bei beiden Kindern), und bezüglich des Namens Miron bekamen wir tatsächlich eine wichtige Rückmeldung. Meine Schwägerin ist Salvadoranerin, mit Spanisch als Muttersprache, und sie informierte uns, dass Miron auf Spanisch „Spanner“ heißt. Wären wir nur eine deutsch-rumänische Familie hätte uns die spanische Bedeutung nicht weiter gestört, aber da wir alle auch amerikanische Staatsbürger sind, und da in vielen Teilen der USA Spanisch sogar Mehrheitssprache ist (auch in dem amerikanischen Heimatort meiner Familie), da war uns das schon nicht ganz unwichtig zu wissen, dass der Name im Spanischen total lächerlich wirkt. Letztendlich wollte meine Frau dann aber sowieso unseren Sohn nach ihrem Vater benennen, so dass sich die Mironfrage gar nicht mehr stellte.

    Also–jeder muss selbst entscheiden, inwiefern er/sie mögliche Kritik usw. ertragen kann oder will. Mich persönlich juckt es nicht, negatives Feedback zu bekommen, und ein bisschen austesten finde ich ganz hilfreich.

  2. Kathrin sagt:

    Auch ich stimme auch zu! Ich fand es auch sehr hilfreich im Vorfeld über die Namensvorlieben zu diskutieren. Man kann einfach so am besten herausfinden, welche Argumente einem wichtig sind und welche nicht. Häufigkeiten z. B. sind mir nicht wichtig, aber sehr wohl, ob der Name eine „negative“ Bedeutung hat. Und wenn man völlig überzeugt von einem Namen ist, ist Kritik auch leicht wegzustecken. Und wenn völlig deplatzierte Kommentare zu einem bereits geborenen Kind, wie die von Schwester Gisela kommen, ist Lachen wirklich die beste Reaktion. In Online-Foren ist mir allerdings schon aufgefallen, dass so manche Eltern (eher Mütter) total verunsichert sind und geradezu panisch sind, ja keinen Fehler zu machen, der dem Kind in Zukunft Schaden könnte ( Stichwort Schubladen).

  3. Jan Wilhelms sagt:

    Ich finde Marks Überlegungen zum Thema „Hänseln“ auch sehr überzeugend:

    Fast alle Namen können letztendlich zu Hänseleien einladen, und die meisten, die Eltern vergeben würden, sind Namen, an die sich das Umfeld gewöhnen kann. […] Aber letztendlich spielt der Umgang mit Hänseleien und die Einstellung zu sich selbst eine viel, viel größere Rolle als der Name an sich.


    Si leur allure n’est pas légère
    Ils portent tous tête haute et fière
    😉

    Und natürlich ist es etwas anderes, wenn ein Name in einer regional wichtigen Zweitsprache (wie eben Spanisch in den USA) eine alberne Bedeutung hat, als wenn er das etwa in Gurkensprache XY hat. (Hier wurde neulich mal in einem Kommentar vor dem ehrwürdigen spanischen Luis gewarnt, weil das angeblich auf holländisch „Laus“ bedeuten soll. Na und?)

    • kleiner_hering sagt:

      Mein Vorname bedeutet auf Litauisch „Hering“. (Fällt mir dazu ein…)

    • kleiner_hering sagt:

      PS In der Aussprache klingt es aber sicherlich völlig anders, da habe ich leider keine Ahnung. Es sind auch noch zwei Diakritika enthalten, wenn ich mich richtig an die Speisekarte erinnere…

    • Jan Wilhelms sagt:

      Haha, jetzt habe ich doch mal kurz gegoogelt, obwohl das eigentlich beim Schreiben von Blog-Kommentaren ein bißchen unsportlich ist. 😉

      Dein Name ist auch so ein typischer Namen in meiner Alterskohorte… Ich würde ihn aber, wenn es denn um anderer Sprachen als um unsere deutsche ginge, eher mit Seide als mit Heringen in Zusammenhang bringen. 🙂 (Ich weiß nicht, woher er wirklich kommt.)

      Mein eigener, richtiger Vorname hat im Englischen und im Russischen eine erhebliche Bedeutung in der marxistischen Theorie, der ich selbst anhange. Jedenfalls von der Aussprache her. Gut, da kommen ab und zu mal Sprüchlein, aber das kann einem echt egal sein. 🙂

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