Emily Klaus-Peter

Lange Zeit ging es in Deutschland gar nicht anders: Wer seinem Kind einen geschlechtsneutralen Namen geben wollte, brauchte noch einen eindeutigen Namen dazu. Dass das auch nicht immer ohne Tücke war, beweist das Beispiel einer Bekannten von mir: Als ihr Vater, seines Zeichens Brite, sie als Sascha beim Standesamt anmelden wollte – für ihn ganz klar ein Mädchenname –, musste er auf die Schnelle einen Zweitnamen wählen und entschied sich für Denise. Pech nur, dass „Sascha = männlich“ hierzulande so fest verankert ist, dass aus Denise unzählige Male ein Dennis wurde.

Seit einem Gerichtsentscheid vor bald sieben Jahren ist allerdings möglich, was vorher undenkbar schien: Deutsche Eltern können es auf ihre eigene Kappe nehmen, dass ihr Kind eventuell falsch zugeordnet wird. Unisex-Namen brauchen keine geschlechtsbestimmende Ergänzung mehr. Das hat sich aber noch längst nicht überall herumgesprochen. Die vorherrschende Verwirrung in dieser Frage dürfte auch damit zusammenhängen, dass „einige ewiggestrige Standesbeamte“ (so Knud Bielefeld) noch auf die alte Regelung pochen.

In solchen Situationen blühen manchmal obskure Blüten. So stieß ich gerade in einer Online-Diskussion auf die These, als Zweitname für ein Mädchen könne ruhig ein Jungenname vergeben werden, solange der Rufname eindeutig weiblich sei. Begründung: Es hießen ja schließlich auch Männer mit Zweitnamen Maria. Da war ich nun erst mal platt. Lesen wir also demnächst die Geburtsanzeigen von Emily Klaus-Peter oder Max Melanie? Natürlich nicht. Zumal es schon seit 1960 – in der ehemaligen DDR seit der Wiedervereinigung – keine offizielle Festlegung auf einen Rufnamen mehr gibt.

Tatsächlich ist Maria der einzige weibliche Vorname, den Jungen zusätzlich bekommen dürfen. Diese Ausnahmeregelung hat historische katholische Gründe. Ansonsten gilt unverrückbar: Mädchen- und/oder Unisexnamen für die Mädels, Jungen- und/oder Unisexnamen für die Jungs. Bei neutralen Namen, die überwiegend einem bestimmten Geschlecht zugeordnet werden (sehr lesenswert dazu: diese Aufstellung von Knud), würde ich aber doch immer empfehlen – bei der Vergabe gegen den allgemeinen Trend –, etwas anzufügen. Mädchen namens Mika zum Beispiel dürften es mit ihrem Namen nicht leicht haben. Ich schrieb hier schon früher einmal über eine junge Frau namens Merlin.

Neulich im Urlaub gab es in unserem Hotel eine Fünfjährige, die – wahr und wahrhaftig – Bela hieß. Ob das womöglich als Variante von Bella durchgedrückt werden konnte, ob sie noch einen Zweitnamen hatte – weiß ich leider alles nicht. Jedenfalls finde diese Wahl für ein Mädchen nicht glücklich. Wie es dazu kam, lag übrigens quasi auf der Hand: Die um einige Jahre älteren Geschwister hießen Ben und Lara … Vermutlich hätte da auch ein kleiner Bruder Bela geheißen.

Thema: Namensgebung

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Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

23 Kommentare zu "Emily Klaus-Peter"

  1. Violet sagt:

    Wow. Wenn man keine Ahnung hat… dass Maria ne Ausnahme ist, weiß – dachte ich – jeder. Deshalb kann man doch nicht Geschlechter würfeln, wie man lustig ist D: Bei solchem gefährlichen Halbwissen ist es kein Wunder, dass Kinder immer seltsamere Namen bekommen 😮

  2. Moni sagt:

    Wie ist es denn eigentlich mal dazu gekommen, dass Maria als Vorname für Männer erlaubt ist? Und wieso gibt es für Frauen kein entsprechendes Äquivalent? (Und wäre das dann Josef oder Jesus?)

    Zum Thema:
    Ich denke, da spielt mal wieder die Namensgebung in Hollywood eine wesentliche Rolle. Wenn Promis ihre Töchter Maxwell und James nennen, sorgt das halt nach der ersten Verwirrung erst für einen Gewöhnungseffekt und dann für einen Nachahmungstrieb.

    • Hermine sagt:

      Im Spanischen gibt es übrigens das entsprechende Äquivalent. So wie viele Männer José María heißen, heißen auch viele Frauen María José. Beides sehr gängig.

    • cassis sagt:

      María José habe ich auch schon gehört. Geht dann auch z.B. Teresa José oder kann José nur an María gehängt werden?

    • Hermine sagt:

      @cassis: Ich glaube schon, dass das geht. María Jesus ist auch gängig und Teresa Jesus hab ich auch mal gesehen, dann müsste Teresa José ja auch gehen. Da müsste ich mich aber noch mal schlau machen.

    • Rebecca Sophie sagt:

      Das müsste gehen. Zumindest in Portugal ist der EN geschlechtsbestimmend und der ZN kann frei gewählt werden. Dabei kann es sich (unter Umständen) sogar um Worte (mit Präposition) handeln. Allerdings ist was erlaubt ist ziemlich streng geregelt, Kika, der Standardrufname für Francisca sit zum Beispiel nicht erlaubt. In Spanien müsste es so ähnlich sein.

  3. Jan Wilhelms sagt:

    Ich glaube, es war Mark, der hier vor einigen Wochen einen interessanten US-amerikanischen Text zum Thema Unisex-Namen verlinkt hatte. Tendenz aus dem Gedächtnis (und daher möglicherweise einseitig oder gar falsch) zusammengefaßt: Es sind bei den Amis eigentlich nur Männernamen, die von irgendwelchen linksliberalen Gender-Schickis an Mädchen vergeben werden. Nie umgekehrt. Und diese Namen „verbrennen“ dann recht bald als „richtige“ Jungennamen. Also: Jungennamen können Unisex-Namen werden, aber Mädchennamen nicht – sozusagen zur Strafe sind diese Jungennamen dann aber auch recht bald keine Jungennamen mehr.

    Maria wäre hier wirklich die eine große Ausnahme – eben wegen der einzigartigen Bedeutung der Verehrung der Muttergottes in den nicht-reformierten christlichen Denominationen.

    Und es tut mir leid: Mir wird geradezu körperlich schlecht, wenn ich mir unter dem russischen Diminutiv Sascha (von Alexander) oder unter dem ungarischen Bela ein Mädchen vorstellen soll. 🙁 Mika dürfte wohl finnisch sein, das zählt irgendwie nicht.

    • Wanda sagt:

      Und warum kann Sascha nicht der Diminutiv von Alexandra sein? Wird ihnen von dem Namen etwa auch schlecht?

  4. lenchen sagt:

    also eine ehem. Arbeitskollegin heißt Bela. Hat eher ausländische Gründe denke ich mir. Und so kommen ja die meisten auswärtigen Namen ins Land.

    Bei dem Namen Maria als Zweitnamen glaub ich hat es was mit der Tradition zu tun, als Zweitnamen den Rufnamen des Paten zu verwenden. Hier wurden zwar schon aus einem Josef eine Josefa, jedoch ein Mario wird vor einigen Jahrzehnten nicht üblich gewesen sein.
    Jesus war denke ich schon immer ein „verbotener“ Name im deutschsprachigem Raum.

    • Jan Wilhelms sagt:

      Nur kurz und etwas rechthaberisch (Tschuldigung… 🙂 ): Mario ist keine Vermännlichung von Maria, sondern kommt vom altrömischen Politiker Gaius Marius.

      (Sein Gegenspieler L.C. Sulla hingegen hat es glaube ich nie zum modernen – und männlichen! – Vornamen geschafft. Schade. 🙂 )

    • lenchen sagt:

      Danke für die Aufklärung. Ich bin gerne lernbereit ^^

      PS: Das Pferd einer Freundin heißt Sula. Ist aber eine Stute *hihi*

    • Lisa sagt:

      Das Pferd ist vermutlich ein Islandpferd, da gibt es den Namen häufiger und er kommt eben aus dem Isländischen und hat mit dem Sulla nichts zu tun.
      Und nochmal zu Sascha: eine Arbeitskollegin von mir nennt sich Sascha, sie heißt aber eigentlich Aleksandra. Ich bin nicht sicher, ob der Diminutiv im Russischen nur für den männlichen Vornamen gilt.

  5. Paul sagt:

    Sascha ist in Russland auch die Abkürzung von Alexandra und dort als Rufname/Kurzname für beide Geschlechter gleichermaßen gängig. Im Ausweis steht im Allgemeinen die Langform.

    Zu Bela: In Tschechien scheint „Běla“ ein Mädchenname zu sein. Auch gibt es Bela als Form von Baila/Bayla/Beyla/Beila/Beillé, auch wenn diese Namen heute selten sind.

    Ob man diese Namen vergeben will, in welchem Land und für welches Geschlecht, ist noch mal eine andere Sache.

    So völlig abwegig ist das gar nicht, dass ein weiblicher Name als Zweitname für Jungs vergeben wird. Heinrich Brüning hieß laut Wikipedia mit vollem Namen Heinrich Aloysius Maria Elisabeth Brüning. Als ich das vor einiger Zeit zufällig entdeckt habe, habe ich mich schon gefragt, ob es außer Maria noch weitere Namen gibt, bei denen das geht, oder wie das sonst zustande kam.

    In Österreich wurden „Anna“ oder „Anne“ früher manchmal auch als Zweitname für Jungs vergeben wurden, da hab ich allerdings kein prominentes Beispiel dafür.

    In den USA haben gegengeschlechtliche Zweitnamen eine gewisse Tradition, in den Häufigkeitsstatistiken gibt es bei beliebten Namen manchmal einen kleinen Anteil Mädchen, die z.B. Victoria George (oder Michael oder James) heißen, und Jungen mit middle name Emma, Elizabeth, Grace etc. – seit 1880. Das Abendland ist davon nicht untergegangen.

    Grade heute hat mir übrigens jemand von einem älteren Mann erzählt, der (mit Erst- oder einzigem Vornamen) Elke heißt und damit ganz gut durchs Leben geht.

  6. Dame-mit-Duden sagt:

    Bela ist auch eine im Portugiesischen übliche weibliche Kurzform von z.B. Isabel (entspricht „Bella“ in anderen Sprachen und wird auch eher so ausgesprochen).

    • Annemarie sagt:

      Ah, das könnte des Rätsels Lösung sein! Die (deutsche) Bela, die ich getroffen habe, wurde allerdings genauso gesprochen wie der männliche Bela, also eher „Behla“. Wie Eltern die Namen ihrer Kinder sprechen, ist ja eh noch mal ein Kapitel für sich …

  7. Jan Wilhelms sagt:

    Nee, tut mir leid. Auch wenn sich mit Hilfe von Wikipipi irgendwelche weiblichen Belas mit einem L in der Slowakei, im Alentejo oder sonstwo lokalisieren lassen:

    Bela (gut, für die braven, beflissenen Deutschen: „Béla“) ist nun einmal ein ungarischer Männername – und die Gebräuche eines alten europäischen Herrenvolkes zählen da einfach mehr als die Einfälle irgendwelcher Muschkoten.

    • Dame-mit-Duden sagt:

      Herrenvolk? Muschkoten? Die Ausdrucksweise ist ja erschreckend! Ich will lieber gar nicht wissen, was für ein Gedankengut dahinter steckt…

    • Jan Wilhelms sagt:

      Das dahinterstehende Gedankengut ist z.B. das des österreichisch-ungarischen Ausgleichs von 1867 (was das ist, kannste zur Not sogar per Google-Wikipipi nachschlagen, brauchste keinen Duden dazu), mithin die Begründung des k.u.k-Reiches.

      Und nein. Nein. Nein. Ich bleibe dabei, daß Bela ein ehrwürdiger ungarischer Männername ist und daß das als Mädchenname eine Entgleisung ist, jedenfalls im Deutschen. 🙂 Was dann in Portugal, der Slowakei oder bei sonstwelchen Hiwi-Völkern mit dieser Vier-Buchstaben-Kombination gemacht wird, schiene mir eher unerheblich.

    • lenchen sagt:

      Ich denke, mit welchem Volk man einen Namen verbindet, hängt auch stark davon ab, wie viele Leute man welcher Nationalität „kennt“. Wenn man eher bei einem neuen Namen die ungarisches Version des männlichen Namens in den Kopf bekommen hat, tut man sich schwer, eine weibliche Version zu „akzeptieren“.

      Im Prinzip ist alles Gewohnheit, denn wer legt denn schon fest, dass ein Name männlich oder weiblich ist? Das war die Geschichte und die Gesellschaft und die Gebräuche der Zeit und Kultur.

    • Rebecca Sophie sagt:

      Der männliche Bela hat aber im Gegensatz zur weiblichen mit Bartok einen bekannten Komponist zu bieten, insofern kann man schon sagen, dass er in Deutschland eher männlich konnotiert ist.

    • Jan sagt:

      Na, Bela würde ich trotz der im Germanischen „weiblichen“ Endung -a immer als sehr männlichen, harten Namen hören.

      Man denke an Bela Kun… Steppenreiter.

  8. Unter niederländischen und flämischen Katholiken ist es durchaus üblich, Jungen Mädchennamen beizulegen und umgekehrt, z.B. Mark Peter Gertruda Andreas (Mann), Modest Hippoliet Joanna (Mann), Ida Maria Bonaventura Antonius Petrus (Mann), Karin Christiaan Ida Catharina (Frau), Gerardus Fransisca Theodora (Frau).

    • Jan Wilhelms sagt:

      Tja, hat der Katholizismus gar einen Zug ins Androgyne?

      In Deutschland tauchen im Internet in der Vorweihnachtszeit regelmäßig zwei Topoi von Kulturkritik auf: 1. natürlich gegen die Lebkuchenherzen ab Ende August. 2. (Und darum geht es mir hier) aus katholischen Gefilden: „Wir wollen keinen Coca-Cola-Weihnachtsmann und keine ‚Santa‘ mit Rentieren, wir wollen unser Christkind! Das hier ist Weihnachtsmann-freie Zone!“

      Wenn ich das höre, muß ich immer an eine Vorlesung zur japanischen Religionsgeschichte denken, in der ich mal in einem früheren Leben gehockt habe. Es ging darum, daß bei bestimmten japanischen Kami (also shintoistischen Gottheiten) nicht so ganz klar ist, ob sie männlich oder weiblich sind. Der Prof: „Was, sie finden das erstaunlich? Dann denken sie doch mal an das Christkind. Das sollte doch eigentlich ein Junge sein, wird aber als Mädchen dargestellt.“

      (Daß sich die Entstehung der Christkind-Ikonographie erklären läßt, ist mir ebenso klar wie die Tatsache, daß ich hier meinerseits mit – protestantischen – Topoi hantiere. Diese Topoi haben aber gleich mehrere ernste Hintergründe, und es ließen sich Bögen schlagen bis hin zum unterschiedlichen Klamotten-Stil von Benedikt XVI. und Franz I.)

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