Auch Leipziger Namenforscher arbeiten ordentlich!

Das Namenkundliche Zentrum in Zusammenarbeit mit dem Institut für Informatik der Universität Leipzig veröffentlichte vor wenigen Tagen eine Vornamenstatistik für 2014. Diese wurde im Rahmen einer Langzeitstudie „Tendenzen in der Vornamengebung in Deutschland“ erstellt. Bei den Mädchen waren demnach Sophie/Sofie, Marie, Sophia/Sofia und Maria die Favoriten. Maximilian, Alexander und Paul standen bei den Jungen ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Die Deutsche Presse-Agentur dpa meldete außerdem:

„Zu einem anderen Ergebnis ist dagegen der Hobby-Namensforscher Knud Bielefeld aus Schleswig-Holstein gekommen. Ende Dezember hatte er Emma und Ben zu den beliebtesten Vornamen 2014 gekürt.“

Das klingt jetzt leider so, als würden die Leipziger Namenforscher nicht ordentlich arbeiten, denn sonst wären sie zum selben Ergebnis gekommen wie ich, oder? Tatsächlich sind die Auswertungsergebnisse unterschiedlich, weil nach unterschiedlichen Methoden vorgegangen wurde. Ich habe für die Hitliste der beliebtesten Vornamen ausschließlich die ersten Vornamen gezählt und für die Zweitnamen eine separate Hitliste erstellt. Einige Kinder haben drei oder noch mehr Vornamen bekommen, diese weiteren Namen berücksichtige ich gar nicht. An der Uni Leipzig wurden alle Vornamen zusammen ausgewertet. Ein Kind mit drei Vornamen geht somit drei Mal in die Auswertung ein. Weil es aber in Deutschland große Unterschiede bei den beliebtesten Erst- und Zweitnamen gibt, sind die Hitlisten auch unterschiedlich. Sophie, Marie und Maria werden beispielsweise extrem häufig als zweite Vornamen vergeben.

Augustusplatz Leipzig © Marcel Schauer - Fotolia.com

Augustusplatz Leipzig © Marcel Schauer – Fotolia.com

Neben den beliebtesten Vornamen hat die Uni Leipzig weitere Erkenntnisse aus ihrer Studie gewonnen:

„Es werden auch weiterhin traditionelle Vornamen bevorzugt. Fast die Hälfte aller in einem Jahr eingetragen Vornamen haben in Deutschland eine lange Tradition. Dabei kommen immer mehr altdeutsch-germanische Vornamen wieder auf wie zum Beispiel Karl, Carl, Richard und Ida, Frieda sowie Frida“, sagt Gabriele Rodriguez von der Namenberatungsstelle der Universität. Ein großer Teil der Eltern bevorzuge dagegen neue Vornamen aus dem englischen und angloamerikanischen Raum wie etwa Lennox, Maddox, Jason sowie Emily, Amy, Summer und Melody. 20 Prozent aller eingetragenen Vornamen sind ausländischer Herkunft.

Das finde ich extrem spannend, denn ich werde oft gefragt, wie groß denn der Anteil der traditionellen und/oder deutschen Vornamen in Deutschland sei. Ich konnte die Frage nicht beantworten, weil ich keine brauchbare Definition dafür hatte, was traditionelle oder deutsche Vornamen sind. Darum habe ich in Leipzig nachgefragt:

Wie definieren Sie „ausländische Herkunft“?

Ausländische Namen sind neue Namen, die im 20. und 21. Jahrhundert aufgekommen sind.

Wie definieren Sie „lange Tradition“?

Namen mit Tradition sind altdeutsch-germanische Namen, biblische Namen, Heiligennamen, Namen, die mindestens seit dem 18. Jahrhundert im deutschen Sprachraum gebräuchlich sind.

Über 40.000 unterschiedliche Vornamen wurden 2014 in Deutschland eingetragen. Man beachte, diese sind alle an der Uni Leipzig nach den obengenannten Kriterien klassifiziert worden! Das ist ein enormer Aufwand – so langsam wird mir bewusst, womit man sich als Studierender im Wahlbereich Onomastik beschäftigt.

Thema: Wissenschaft

Autor:

Knud Bielefeld ist Vornamenanalytiker und erstellt Jahr für Jahr eine Auswertung der beliebtesten Vornamen Deutschlands.

7 Kommentare zu "Auch Leipziger Namenforscher arbeiten ordentlich!"

  1. Jan Wilhelms sagt:

    Nun, mit der „langen Tradition“ altdeutsch-germanischer Namen ist das vielleicht so eine Sache… Denn diese Namen sind oft erst mit dem aufkommenden Historismus und Nationalismus ab etwa 1800 wieder ausgemottet worden, eben gerade weil sie als besonders urtümlich und kernig deutsch galten. Die eindeutigsten Beispiele sind vielleicht Siegfried und Hermann mit ihrem Bezug auf das Nibelungenlied bzw. die Varusschlacht. Heidrun, Gernot, Gunther, Sigrid, Dietrich, Hagen wären weitere Beispiele, die sich vermehren ließen – das sind alles Namen, die man in der Tat „altdeutsch-germanisch“ nennen kann, die aber über lange Jahrhunderte kaum bis gar nicht vergeben wurden, bis sie dann im 19. und 20. Jahrhundert en vogue kommen. Sie sind „invention of tradition“.

    „Welcher Name ist älter: Heidrun oder Charlotte?“ Das kann meines Erachtens so oder so beantworten.

    Noch komplizierter wird’s, wenn man bedenkt, daß das Nibelungenlied zwar in der Völkerwanderungszeit „spielt“, aber erst im Hochmittelalter, also viele Jahrhunderte später, geschrieben wurde – ohne jedes geschichtswissenschaftliche Instrumentarium. Vergleichbares gilt übrigens auch für die Edda, die eben auch nicht die „Religion der Wikinger“ eins zu eins überliefert, sondern das Bild, daß man sich im christlichen isländischen Hochmittelalter davon gemacht hat. Nu, ein weites Feld…

    Gut, in der Praxis kann man dann wohl doch oft sagen: „Friedrich ist ein traditioneller Name und ‚Maddox‘ ganz offensichtlich nicht.“ Aber eine ganz saubere Definition für Tradition wird man nie finden können – eben weil sie (und nicht nur in Deutschland!) so oft erfunden ist.

    • Mark sagt:

      Grundsätzlich stimme ich mit Dir überein–kategorische Definitionen werden der eigentlichen Komplexität der Welt praktisch nie gerecht.

      Trotzdem kann man aber doch, glaube ich, relativ gut zwischen Namen unterscheiden, die irgendwie (wenn auch auf komplizierte Weise) aus der deutschen Kulturgeschichte vor 1800 entnommen sind, und solchen, die in den letzten 200 Jahren, also in einem Zeitalter rasant wachsender Globalisierung, neu in den deutschen Kulturraum eingeführt wurden.

    • Jan Wilhelms sagt:

      kategorische Definitionen werden der eigentlichen Komplexität der Welt praktisch nie gerecht.

      Genau! 🙂

      Mark, ich denke, wir stimmen überein, grundsätzlich, aber eben nicht im Detail, übereinzustimmen. 😉

      Ich würde wohl einfach die Kategorisierung von Namen in „neu“ oder „traditionell“ für noch problematischer halten als Du.

      Als weiteres Beispiel einige ganz typische Vornamen meiner eigenen Generation, der „Generation X“: Thomas, Stefan, Christine/a, Michael, Sabine, Jörg, Claudia, Andrea & Andreas, Alexandra u.v.a.m.

      Das sind alles Namen, die sich auf die Bibel, auf die griechisch-römische Antike oder das frühe Christentum zurückschrauben lassen. Und dennoch mag man sie einfach nicht „traditionell“ nennen! Zwar gibt es im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit auch ein paar Thomasse (den von Aquin oder den von Kempen), Michaels (den „deutschen Michel“ von Obentraut) und sogar Jörgs (Luther als „Junker Jörg“!). Es sind eben keine Wiedergeburten wie Hagen oder Siegfried!

      Aber wenn man die erwähnten Namen im Alltags-Kontext hört, ist doch mit großer Wahrscheinlichkeit klar: „Der Bursche / Die Frau ist heute so zwischen 35 und 55 Jahre alt.“

      Oder nehmen wir Mark und Jan! :mgreen: Immerhin zwei Evangelisten-Namen und damit fast genauso alt wie Jason, also der Argonaut. Beide sind aber erst in den 60er/70ern in Deutschland heimisch geworden – über das Englische bzw. das Niederländisch-Friesische. Beide klingen aber im Deutschen heute völlig „normal“, während die viel älteren Jason und David (jedenfalls als /dzhäizn/ und /Däivid/) Nogos sind.

      Nebenbei: „Maddox“, „Floyd“, „Lennox“, „Summer“ und „Melody“ – ich hätte echt nicht erwartet, daß es diese Namen außerhalb von Idaho und Sachsen-Anhalt wirklich gibt… :mrgreen:

  2. Mark sagt:

    Jan,

    Mark und Jan sind gute Beispiele für die von Dir angesprochene Komplexität. Den Namen Mark würde ich nicht als traditionell deutsch einstufen, da diese Namensform erst im hochglobalisierten 20. Jahrhundert nach Deutschland kam (und ich selber heiße so weil meine amerikanische Mutter einen typisch amerikanischen Namen für mich wählen wollte). Der Name Markus war in Deutschland auch nie wirklich verbreitet bis in den 1960er/70er Jahren die Markusmode kam–der Name war damals modisch gerade weil er vorher nie gebräuchlich gewesen war und somit „frisch“ erschien. Trotzdem würde ich die Namensform Markus als traditionell deutsch einstufen, weil dies die traditionelle biblische Form des Namens im Deutschen ist und diese Form–im Gegensatz zu Mark–schon ab und zu, wenn auch ganz selten, in der deutschen Namensgebung vor 1800 vorkommt (mit ist z. B. die Kombi Johann Markus aus dem 18. Jahrhundert untergekommen). Außerdem handelt es sich bei Markus um eine Namensform, die fast allen Deutschen durch die Jahrhunderte hinweg bekannt war.

    Bei Jan handelt es sich um eine im Deutschen regional traditionelle Form eines in Deutschland höchst traditionellen Namens, Johannes. Zwar ist der Gebrauch dieser Namensform außerhalb Deutschlands vom Standpunkt der Regionalkultur nicht traditionell, jedoch greift die gesamtdeutsche Jan-Mode auf eine wenigstens in Teilen Deutschlands herkömmliche Namensform zurück. Deshalb würde ich Jan als traditionellen deutschen Vornamen einordnen.

    So meine Einschätzung…. Das Kriterium wäre für mich einfach „irgendwie/irgendwo vor 1800 im deutschen Namensgut etabliert“ vs. „vor 1800 im deutschen Sprachraum in keiner Weise verwurzelt.“ Dieses Kriterium ist natürlich sehr grob, aber ich finde es trotzdem schlüssig, wenn man messen will, inwiefern die heutigen deutschen Namen noch mit der älteren deutschen Kulturtradition verbunden sind.

    Übrigens–Lennox wirst Du in Idaho kaum auffinden. Der Name ist in der englischsprachigen Welt gar nicht verbreitet als Vorname (andere ehemaligen Nachnamen wie Taylor, Tyler, Campbell und Logan dagegen schon). Lennox ist, glaube ich, nirgends auf der Welt als Vorname so populär wie in Deutschland–ein interessantes Phänomen.

    • elbowin sagt:

      Ich habe ein paar Zahlen zu Lennox in den USA: Der Name ist erst in den 2000er Jahren in Fahrt gekommen und steigt im Moment gerade exponentiell an—übrigens mit einer stark ansteigenden Mädchenquote
      (Vorbild Annie Lennox von den Eurythmics?). Beim männlichen Lennox denke ich natürlich an den Boxer Lennox Lewis (ein Brite), und wer sich zum Boxsport hingezogen fühlt, gehört schon zu einem besonderen Milieu (das aber nicht mit der klassischen Arbeiterklasse übereinstimmt; auch Akademiker und Selbstständige sind dort zu finden).

      Hier die Zahlen (Quelle Amerikanische Sozialversicherung SSA):
      yob2000.txt:Lennox,M,27
      yob2001.txt:Lennox,M,22
      yob2002.txt:Lennox,M,37
      yob2003.txt:Lennox,M,35
      yob2004.txt:Lennox,M,37
      yob2005.txt:Lennox,F,5
      yob2005.txt:Lennox,M,48
      yob2006.txt:Lennox,F,5
      yob2006.txt:Lennox,M,59
      yob2007.txt:Lennox,F,11
      yob2007.txt:Lennox,M,75
      yob2008.txt:Lennox,F,13
      yob2008.txt:Lennox,M,104
      yob2009.txt:Lennox,F,10
      yob2009.txt:Lennox,M,164
      yob2010.txt:Lennox,F,22
      yob2010.txt:Lennox,M,215
      yob2011.txt:Lennox,F,45
      yob2011.txt:Lennox,M,263
      yob2012.txt:Lennox,F,94
      yob2012.txt:Lennox,M,292
      yob2013.txt:Lennox,F,153
      yob2013.txt:Lennox,M,351

  3. Mark sagt:

    Bei Jan meinte ich, dass der Gebrauch dieser Regionalform außerhalb Norddeutschlands nicht traditionell ist (hatte einfach „Deutschlands“ geschrieben, was ja keinen Sinn ergibt…).

  4. Jan Wilhelms sagt:

    Mark,

    über kaum etwas könnte zwischen uns größere Einigkeit bestehen als darüber, daß die Materie komplex (und daher interessant) ist.

    Deinen Vornamen höre ich komischerweise – anders als Tom, Ben, Tim etc. – nicht als angloamerikanisch, obwohl er es ist. Das mag daran liegen, daß ich in Schule, Studium und Jobs zwei oder drei reindeutsche Marks meines Alters (Jg. 67) als Kameraden/Kommilitonen/Kollegen hatte. Oder auch daran, daß „Mark“ im Deutschen ja auch ein Wort ist. (Auch der 70er-Jahre-Rekord-Schwimmer Mark Spitz mag freilich zur Popularisierung des Namens beigetragen haben.)

    Deine Beobachtungen zu Markus treffen sicher gänzlich zu: jeder kannte den Namen, aber er wurde vor den 60er/70ern sehr selten vergeben. (Immerhin, der Genosse Markus Wolf war Jahrgang 1923…) Das wäre eine Parallele zu Johannes: So hat in Norddeutschland früher auch niemand geheißen, obwohl der Evangelist natürlich weder Johann noch Jan genannt wurde.

    Womit wir bei Jan wären. Also, ich heiße laut Perso:

    Jan Rufname Wilhelm Nachname (Jan Wilhelms ist also so eine Art Halb-Pseudonym…)

    Jan und Wilhelm kommen von meinen beiden Patenonkels (bzw. von denen, die meine Patenonkeln geworden wären, wenn ich denn getauft worden wäre, was ich nicht bin).

    Wir kommen aus Plattdeutschland: Meine Sippschaft sind schlichte, früher sehr arme Landleute aus der Gegend südlich von Bremen. Noch meine Mutter (Jg. 44) hat Hochdeutsch erst in der Schule gelernt. Der Namensgeber für Jan hieß laut Papieren Johann (Jg. 1907), im Plattdeutschen als /zh’hAnn/ aus- bzw. angesprochen – und eben nicht als /zhann/. Und bei mir wurde das dann zu Jan, gerade weil meiner Mutter die Form Johann als zu altbacken erschien und wohl auch schon in den 60ern nach Hausdiener geklungen hat. Es mag sein, daß Jan (/zhann/) vor Jahrhunderten die norddeutsche Form von Johannes gewesen ist – zur Zeit meiner Geburt war es aber auch in Niedersachsen eine als modern empfundene Variante.

    Ich würde auch und schon daher die Zuordnungen „modern“ oder „traditionell“ für Vornamen für ähnlich unscharf halten wie heute die politischen Prädikate „rechts“ und „links“.

    Und „Idaho“ war natürlich Blödelei – vage an die von Dir hier neulich verlinkte PDF angelehnt, deren Autorin meinte feststellen zu können, daß gerade konservative Rednecks in den USA zur Vergabe von blumigen Phantasienamen tendieren, während die „Liberals“ traditionelle Vornamen bevorzugen.

    Ein US-amerikanischer Sonderaspekt wäre dann vielleicht die Tatsache, daß auch auch die Schwarzen notorisch Phantasienamen vergeben – worüber sich dann wiederum auch die weißen Liberals hinter vorgehaltener Hand lustig machen. Und das wiederum wäre wohl eine Parallele zur grünen Bionade-Bourgeoisie in der BRD, die sich über Lennox, Kevin, Maddox etc. und über olle Ossi-Vornamen à la Maik und Mendy mokiert.

    Es ist und bleibt also kompliziert, Gott sei Dank.

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