Schreib wie du sprichst?

Als Mutter einer Erstklässlerin horche ich auf, wenn über Methoden des Schreibenlernens diskutiert wird. Immer vorn dabei: „Schreib wie du sprichst“. Über das Für und Wider will ich mich hier nicht auslassen, aber: Ich entdecke Parallelen in der Welt der Vornamen. Siehe zum Beispiel Schaklin. Entspricht es einem gesamt-(?) gesellschaftlichen Bedürfnis, Fehlern vorzubeugen oder diese regelrecht salonfähig zu machen? Das Kind schreibt „füa“ statt „für“ und tituliert den österlichen Eierboten mit „Ostahase“, und die Eltern dürfen daran – über Jahre – ebenso wenig Kritik üben wie am Namen des Nachbarjungen, der Jeyden heißt.

Wobei ich mich frage, warum es überhaupt ein fremdsprachiger Name sein muss, wenn man eine falsche Aussprache oder Schreibweise fürchtet. Macht mich dieser Gedankengang schon zum starrköpfigen Snob, der mit „Das gab’s noch nie und sollte es auch nie geben“ argumentiert? Vielleicht steckt aber auch etwas anderes hinter eigenwilligen Namensvarianten. In Onlinedebatten lese ich öfter „Uns gefällt das so aber am besten“ – alle (berechtigten) Einwände, dass die Kreation Schwierigkeiten bereiten könnte, in den Wind schlagend. Auch schon dagewesen: „Ja, wir wissen, dass der Name eigentlich … geschrieben wird, aber so heißt schon der Sohn unserer Freunde, deshalb haben wir ihn abgewandelt“. Aha. Die Eltern haben die Macht, und es geht (fast) alles?!

Mancher hat wohl einfach keinen Blick für Rechtschreibung in puncto Namen. Wie oft habe ich schon (nicht in Namensdebatten natürlich!) „Pipi Langstrumpf“ gelesen … Auch in gewissen Namensthreads im Netz häufen sich Fehler. „Wie wers mit Danken?“, schlägt eine Schreiberin vor. Vermutlich war Duncan gemeint. Jeremaia, Jermemy, Maxinilian, Lynoel, Jonthan – lauter Fundstücke aus den vergangenen Wochen. Gut möglich, dass sogar aus versehentlichen Buchstabendrehern wohlmeinender Ratgeber der eine oder andere neue Name hervorgeht.

Nun ist es ja nichts Besonderes, dass es Namen in verschiedenen Schreibweisen gibt. In meiner Generation etwa Kathrin, Katrin oder Catrin. Katharina oder Katherina. Heute scheint mir das nur irgendwie … aus dem Ruder gelaufen?! Übrigens gilt für die teilweise so beliebten aus dem englischen Sprachraum entliehenen Namen dasselbe: Es existieren verschiedene Schreibweisen nebeneinander. Steffi Graf und Andre Agassi nannten ihren Sohn im Jahr 2001 Jaden, Britney Spears zog 2006 mit Jayden nach.

Es gibt Connor und Conner, Colin und Collin, Aidan und Aiden, Taylor, Tayler und Tyler und noch viele mehr. Ich muss zugeben, dass ich ohne eingehendere Recherche selbst nicht weiß, welche Form „richtiger“ oder im Ursprungsland häufiger ist als die andere. Und doch weiß ich ziemlich genau, welche Version mir „eingedeutscht“ vorkommt und darum bei uns (noch) weniger gut vergebbar als die andere … Also doch ein Snob?! Festzuhalten bleibt, dass es angesichts der Vielfalt der schon existierenden Formen eigentlich nicht nötig sein dürfte, noch welche dazuzuerfinden. Oder?

Thema: Namensgebung

Autor:

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 8-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

21 Kommentare zu "Schreib wie du sprichst?"

  1. Violet sagt:

    Bei „Danken“ dachte ich, als ich es damals gelesen hab, „wer hat sich wo nicht bedankt?“ 😡

    Also da geht ein Jayden anstatt Jaden z.B. meiner Meinung nach noch eher durch als Danken anstatt Duncan…
    Was nicht heißt, dass ich viel von Ja(y)den halte 😉

    • Annemarie sagt:

      😉 Hab ich zuerst auch gedacht und nach Vorschlägen der Schreiberin gesucht, für die ein Dank angebracht gewesen wäre.

      Auf Jayden habe ich mich in letzter Zeit etwas eingeschossen, fürchte ich. Doch ich gelobe Besserung! Gibt ja noch so viele andere …

  2. Rina sagt:

    Ich hatte mal eine fünfte Klasse, in der ein Junge allen Ernstes Maikel hieß. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich mich da der unmittelbaren Assoziation zum Bildungsprekariat kaum entziehen konnte.

    Ich reagiere leider absolut allergisch auf „falsche“ Schreibweisen von Namen, vor allem, wenn es sich um eingedeutschte englische handelt, aber es ist wohl der Lauf der Dinge, dass Wörter und damit auch Namen einer stetigen und mehr oder weniger natürlichen Evolution unterliegen, der wir Rechtschreibapostel nichts entgegenzusetzen haben – und die läuft in der heutigen Zeit durch den häufigeren und intensiveren Kontakt zwischen verschiedenen Sprachen umso schneller ab, sodass wir innerhalb unserer Lebensspanne auch richtig viel davon mitbekommen, was sicherlich vor einigen Jahrzehnten noch anders gewesen wäre.

  3. Dame-mit-Duden sagt:

    Die Originalversion lautet übrigens Jadon: http://en.wikipedia.org/wiki/Jadon

  4. Annemarie sagt:

    Noch zwei Beispiele, die bewusst so geschrieben wurden: Jaqulin, Emylia.

  5. Kathrin sagt:

    Ja, mir graust es auch bei so manchen Varianten. Und trotzdem: Viele, viele heute gängige Vornamen hier in Deutschland, sind eingedeutschte Varianten von Namen anderer Herkunft, die ursprünglich völlig anders geschrieben wurden.

    Eine Luise ist die eingedeutschte Variante der Louise, ein Moritz die eingedeutschte Variante von Mauritius, ein Lennart ist die nordische Variante von Leonhard, um mal bei gut-bürgerlichen Namen zu bleiben.

    Die meisten existierenden Vornamen sind doch mit der Zeit an ihre Aussprache angepasst worden.

    Ja, mir gefallen diese „neuen“ Schöpfungen auch nicht und trotzdem war es schon immer so und wird auch immer so sein. Irgendjemand hat einfach mal damit angefangen. Insbesondere, da die Welt nun mal internationaler geworden ist. Und manchmal ärgere ich mich in der Tat, wenn Leute sich besonders betont über Schakelin (nein, ich mag ihn auch nicht und finde ihn auch sehr merkwürdig) aufregen und ihr eigenes Kind gerade Luise genannt haben (und ich mag diesen Namen übrigens sehr).

    Ach ja und zu Danken fällt mir eher die Autokorrektur ein… Vielleicht hat die der Schreiberin einfach einen Streich gespielt. Ist mir jedenfalls auch schon passiert.

    • amk sagt:

      Natürlich wurden Namen schon immer an die jeweilige Sprache angepasst, doch aus meiner Sicht besteht der Unterschied -gerade auch zu den von dir genannten Beispielen darin- dass sie nur geringfügig verändert wurden (wie von Louise zu Luise) oder es eben ganz „eigene“ Namesvarianten mit unterschiedlicher Aussprache wurden (wie Moritz von Mauritius).

      Das oben genannt Beispiel von Maikel steht für mich dazu schon stark im Gegensatz.

  6. Kathrin sagt:

    Natürlich ist Maikel noch extremer. Aber es ging ja auch um eingedeutschte Varianten von Namen, die man für vergebbar oder auch nicht hält. Und da sind die Grenzen nun mal sehr fließend, finde ich.

  7. Annemarie sagt:

    Noch ein schönes Beispiel: Kessrin/Kessryn.

    Das Argument, das Sprache sich wandelt, ist natürlich richtig. Trotzdem würde ich zumindest Leute, die ihr Kind HEUTE Luise nennen (so schrieb sich schon meine 1908 geborene Oma), nicht in einen Topf werfen mit solchen, die heute z.B. Kessrin vergeben, auch wenn das dahinterliegende Prinzip ähnlich ist und letztere sich natürlich auch als Avantgarde verstehen können. Aber da sind mir ganz neue Namen wie Katniss doch lieber.

    Speziell zu Luise/Louise fällt mir noch ein, dass ich schon öfter gehört habe, das „Original“, also Louise, müsse man mit stummem e sprechen. Man „muss“ demnach also Luise schreiben, wenn das Kind nicht „Louis“ heißen soll. Ähnliches gilt bei den Jungen für Louis und Luis, auch hier heißt es, man spräche Louis korrekt französisch, also „Lui“.

  8. Chrissie sagt:

    Ich hatte auf dem Gymnasium (1999-2007) auch einen Maikel in der Klasse. Wir Kinder/Jugendliche haben an dem Namen nie etwas komisches gefunden und auch als wir dann englisch lernten, fanden wir es eher witzig, dass Maikel ja genauso ausgesprochen wird wie Michael im englischen, wären aber nicht auf die Idee gekommen ihn deswegen zu ärgern (oder gar schlecht über seine Eltern zu denken). Für mich war Maikel damals als Kind einfach ein normaler Name wie jeder andere Name auch.

    Auch beim Lesen des Namens Kessrin hat es gerade eine Weile gebraucht, bis ich an die englische Aussprache von Kathrin gedacht habe. Im Gegenteil, mein erster Gedanke war, dass Kessrin doch ein sehr schicker Name ist. Definitiv mal was anderes als alles, was derzeit modern ist (kein L, M, a, ia oder ea), klingt frisch und frech (kess) und hat etwas Schärfe, trotzdem aber einen sanften Ausklang.

    Ist es eine Schande, wenn einem der Klang eines Namens in einer ausländischen Sprache gefällt, wenn man den Namen (mit genau diesem Klang) gern für sein Kind hätte und daher versucht, die Klang an deutsche Lautschrift anzupassen? Das ist eine schwierige Frage, denn auch bei mir gehen bei Beispielen wie Schaklin, Theiler (für Taylor, wurde aber zum Glück abgelehnt, vermutlich aber auch nur, weil Theiler in Deutschland ein Nachname ist?) oder Jayden Schubladen auf – die, aus welchem Grunde auch immer, bei Maikel und Kessrin aber nicht (sofort) aufgingen.

    Vielleicht braucht es einfach mehr Toleranz für solche Neuschöpfungen? Denn wenn dabei wirklich schöne Namen (im Klang und vom Schriftbild) her entstehen, die weitere Eltern inspirieren diesen Namen zu wählen, dann werden Maikel und Kessrin in 2-3 Generationen vielleicht genauso normal für unsere Augen und Ohren sein wie Luise.

    • Kathrin sagt:

      So sehe ich das auch. Auch bei mir gehen dann und wann Schubladen auf, ist ja klar. Aber ein bisschen Entspannung beim Thema Namen finde ich eben auch angebracht. Irgendwann hat irgendjemand angefangen einen Namen zu ändern bzw. anzupassen. Vielleicht haben alle am Anfang gesagt, wie kann man nur. Und dann wurde es irgendwann normal. Mein stinknormaler Name Kathrin war einmal die ungewöhnliche Kurzform des Namens Katharina, wiederum die variierte Fassung des griechischen Namens Aikaterine (hier nachzulesen). Er hat finde ich schon eine deutliche Wandlung durchgemacht.

  9. Anke sagt:

    Sry, aber eine Kessrin ist keine Kessrin, weil es im Englischen kein ss gibt, sondern ein th (tie-äitsch) und somit ist es schlichtweg FALSCH.
    Das ist Englisch 5. Klasse. Wer da nicht aufgepasst hat, sollte lieber bei der richtigen Schreibweise bleiben.
    Denn Individualität strahlt man NICHT dadurch aus, dass man die 5. fehlerhafte Variante eines Namens nochmal verkrüppelt.
    Wenn ich nen Justin haben will, und es in der Verwandtschaft schon einen Justin habe, wird es doch mit Jastin auch nicht besser. Himmelherrgott!

  10. Jan Wilhelms sagt:

    Ich würde meinen, das der Schwund des o in Luise einfach eine andere Qualität hat als Schreibungen wie „Maikel“ oder „Kessrin“.

    Da wurde dann eben mal die Louise zur Luise. Das ist hundert Jahre her – kein Mensch erinnert sich heute auch nur an die linguistisch-kulturelle Dominanz des Französischen in jenen Tagen.

    (Wundert sich nur irgendneiner darüber, daß eine Stadt am mittleren Mississippi in den USA St. Louis heißt, obwohl der heilige Ludwig nie in England verehrt wurde? Oder daß es da Städte namens Detroit, Des Moines, Baton Rouge oder Neu-Orleans gibt. Tempi passati. Vergessen.)

    Die Schreibung „Luise“ hat vielleicht anno dazumal blöd ausgesehen – heute tut sie das nicht mehr.

    Aber eine Kessrin/Kessryn, eine Schacklin oder ein Maikel sind eben heute sofort als Prollo-Kinder unten durch. Ist nun mal leider heute so.

    Genauso wie eine „Merlin“, ein Philipp Alexander oder eine „Merit“ nahezu zwangsläufig Mittelschicht sind.

    (Ich, der ich das hier schreibe, bin selbst ein Prolet. 🙂 )

  11. Becky sagt:

    Uff…

    Wer Angst davor hat, dass der Name seines Kindes falsch geschrieben oder gesprochen wird, sollte sich an die „deutschen Klassiker“ halten. Mit Max machen diese Eltern sicherlich keinen Fehler. Ist weder kreativ noch ideenreich, aber wenns hilft?

  12. Chiocciola sagt:

    Mir ist auch schon mal ein Maikel begegnet. Wenn ich mich recht erinnere, hatte der niederländische Wurzeln. Kann es sein, dass Maikel die niederländische Form von Michael ist?
    VieleGrüße

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