Facebooker, Seriengucker

Ich war ja nun wirklich schon bei einigen Namensdiskussionen in Foren dabei. Trotzdem beschert mir die Facebook-Gruppe, in die ich kürzlich eingetreten bin, echte Aha-Erlebnisse. Wieso es Namen wie Zoey oder Hailey, Jamie oder Tyler doch recht weit nach oben in die Charts schaffen, zum Beispiel (am weitesten hinten liegt noch Hailey: Platz 115). Klar gab es immer mal irgendwo Liebhaber amerikanischer Namen, aber so geballt und ernst gemeint ist mir das noch nirgends begegnet.

Wenn es nach dem (oder besser: der) Durchschnitts-Aktiven in dieser Gruppe geht, werden auch Noel oder Jayden künftig noch oft in Geburtsgalerien dabei sein. Auch sehr beliebt: Geschwisternamen mit gleichem Anfangsbuchstaben oder sehr ähnlichem Klang; da wird einer Mia-Mutter für ihr zweites Mädchen auch mal Pia oder Nia vorgeschlagen – oder Lea, wenn’s hochkommt. Dazu dominieren Kombinationen aus zwei Vornamen pro Kind, die häufig mit Bindestrich gekoppelt werden. Woher diese Mode kommt, wüsste ich wirklich gern. Natürlich gab’s das früher schon mit Eva-Marie, Hans-Georg und Konsorten, aber heute wird viel wilder zusammengefügt, was nicht zusammengehört, Silbenzahl und Gesamtklang hin oder her.

Die Kriterien, die der gesuchte Name erfüllen soll, fallen in dieser Gruppe überraschend knapp aus. „Außergewöhnlich“, das wird immer mal wieder gewünscht. Bei dieser Ankündigung war ich zuerst immer besonders neugierig – was kommt jetzt?! Was außergewöhnlich ist oder nicht, ist aber offenbar auch eine extreme Auslegungssache. Ich vermute fast, dass „außergewöhnlich“ oft nur mit „ganz anders als in meiner Generation – und bloß nicht wie bei meinen Eltern oder Großeltern“ übersetzt wird. In diesem Sinne passt natürlich schon ein Vorschlag wie Fynn Marlon, den ich ansonsten nicht so rasend auffällig finden würde.

Wenn jemand mal nach einem „deutschen“ Namen fahndet, kommen auch Vorschläge wie Joel oder Gino. Das sieht man nicht so eng, „deutsch“ bedeutet hier wohl einfach „nicht englisch“ (Joel ist hebräisch und hat im englischen Sprachraum eine längere Tradition als bei uns). Nicht die Regel, aber immer mal wieder dabei: besondere Schreibweisen wie Joulée (ist Jule zu normal?), Chelzy oder Llionel (mit insgesamt drei L). Irgendwie finde ich die Sache ja faszinierend. Und wer weiß – würde ich selbst weitaus mehr US-amerikanische Fernsehserien verfolgen als ich es tue, hätte ich vielleicht eher Zugang zu diesen Namen? So mancher Name dieser Kategorie scheint nämlich auch eine Art Code zu sein: „Ich liebe den Namen Castiel.“ – „Hey cool, ich bin auch ‚Supernatural‘-Fan!“

Thema: Namensgebung

Autor:

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

8 Kommentare zu "Facebooker, Seriengucker"

  1. amk sagt:

    Sehr intressant zu erfahren, wie bei Facebook so diskutiert wird bzw. welche Tipps dort so gegeben werden (ich selbst habe kein FB-Profil und auch sonst nirgends); da sieht man, dass sich die Auseinandersetzung der teilnehmenr mit dem Thema zu hier doch schon recht stark unterscheidet. Ob das Rückschlüsse auf die Intelligenz zulässt, will ich aber mal offen lassen 😉

  2. Hanns sagt:

    Mir fallen dazu nur „Flipper“ oder „Skippy“ ein; zwei Namen, die völlig zu Unrecht NICHT auf den monatlichen Hitlisten zu finden sind.
    Obgleich sich ihre populären Vorbilder durch ungeheuren Mut, Intelligenz und ihre individuellen Fortbewegungsarten profiliert hatten.

    Unabhängig von der Beleumundung eines einzelnen Namens stellt wohl auch dessen Vergabe im Hinblick auf den zeitlichen Kontext eine klare Aussage über die soziale Umgebung des Namensvergebers dar.
    Streng genommen ist diese Tatsache eigentlich der einzige Grund, weswegen die eigentlich schönen und, zumindest in aushäusigen Kulturen unauffälligen Namen „Kevin“ und „Chantal“ die aktuelle soziale Einstufung haben.

    Und gabs da in der Vergangenheit nicht auch einige „John-Ross“…..?

    • Knud sagt:

      Mag ja sein, dass Eltern ein Namensvorbild suchen, das sich durch Mut und Intelligenz hervorgetan hat. Aber „Individuelle Fortbewegungsarten“?

    • Hanns sagt:

      Stimmt doch.
      Kein Kevin schwimmt schneller als Flipper und keine Chantalle hüpft weiter als Skippy.
      😉

      Bleibt natürlich die Frage, was man sich von einem John-Ross verspricht.

      Öl vielleicht?
      Ewiger Krach mit den Nachbarn?
      Ständig wechselnde Schwiegertöchter?
      Einen Herzinfarkt?

      Vielleicht reicht das Gedankengebilde der Urheber aber gar nicht so weit.
      Es sollen schon Bundeskanzler wegen ihrer seriösen Brille (Modell „Herbert Knebel“) gewählt worden sein.

      Da ich aus eigener Erfahrung ziemlich zuverlässig weiß, das Eltern nie Namen vergeben, bei denen einer der beiden Namensgebensberechtigten höchst miese Erinnerungen hat, wäre die Frage zu klären, ob man aus dieser Tatsache auch den Umkehrschluß ziehen darf.
      Schönes Thema für die Diplomarbeit eines Soziologen.

      Möchten diese Leute also wirklich, daß ihr Kind nach diesen Serienhelden schlägt, weil sie diese sympathisch finden?

      Nur aus Daffke macht man so was doch nicht.

  3. cassis sagt:

    Bei Hailey muss ich immer an Eminem denken. Soweit ich weiß, heißt seine Tochter so und er hat sie in mehreren seiner Songs erwähnt. Kann mir vorstellen, dass der Name dadurch auch in Deutschland populär(er) wurde.

  4. Mark sagt:

    Individualkultur und Homogenität gehen oft auf komplizierte Weise Hand in Hand….

    Da sucht man nach etwas Frischem und landet bei einem aktuellen Modenamen, den eben auch ganz viele andere „frisch“ finden weil sie mit diesem Namen nicht aufgewachsen sind. Oder der Name ist wirklich ungewöhnlich-exotisch, aber gerade deshalb auch irgendwie Zeitgeist und daher, letztendlich, doch konform. Das mit der Individualität ist ja doch sehr kompliziert….

    • Anonymous sagt:

      „Da sucht man nach etwas Frischem und landet bei einem aktuellen Modenamen, den eben auch ganz viele andere “frisch” finden weil sie mit diesem Namen nicht aufgewachsen sind.“

      So ist das.
      Wenn alle hinfahren, wo sonst keiner ist, ist es da auch voll….zwangsläufig.
      In der Volkswirtschaftslehre gibt es den Begriff „Schweinezyklus“, der das Phänomen auch in der Marktwirtschaft beschreibt.

      Wer, wie einst die Trapper im wilden Westen, sich der Zivilisation durch Flucht in die Wildnis entziehen möchte, ebnet letzten Endes damit nur den Wege für die Massen.

      Gute Chancen jedenfalls für Otto, Adolf und Hubert.
      Da will im Moment noch keiner so richtig hin…..
      😀

    • Annemarie sagt:

      @Mark: Stimmt. Das denke ich auch öfter, wenn ich durch Szeneviertel gehe und drei von vier Leuten U50 samt ihren Sprösslingen denselben „unangepassten“ Look tragen, den ich eigentlich auch gern leiden mag …

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