Mein allerliebstes Pixibuch

Es ist nur ein Heftchen, 24 Seiten stark, mit der Nummer 984: das Pixibuch „Prinzessin Horst“ von Oliver Wenniges. 1999 erschienen, ist es inzwischen leider nur noch antiquarisch zu haben. In einer süffisanten Amazon-Rezension wird klargestellt, das Werk sei zwar nichts für Kinder, dafür aber das perfekte Geschenk für „coole Eltern in 70er-Jahre-Klamotten, die total ironisch drauf sind … Spaß haben aber auch Normalos mit Sinn für Unsinn … Monty Python hätte das nicht besser gekonnt.“

Worum geht es? König Helmut und Königin Antje werden Eltern. Der junge König will unbedingt einen Sohn – und als dann eine Prinzessin geboren wird, nennt er sie, trotz anfänglichen Protests der Königin, eben Horst. Und löst damit nach dem ersten Schock einen Trend aus: Nicht nur, dass Babymädchen plötzlich Ulf oder Dirk heißen, auch ältere Kinder und erwachsene Frauen benennen sich um: „Ich heiße jetzt Dietmar. Und du?“ – „Jürgen.“

Prinzessin Horst

Prinzessin Horst, süß mit rosa Zopfschleifen, bleibt nicht lange allein. Ihr Brüderchen soll „einen ganz besonderen Namen bekommen, und so nannten sie ihn Daniela“. Natürlich macht das Volk Königs auch das eifrig nach: alle männlichen Wesen bekommen Frauennamen. Als Beispiel zeigt das Büchlein einen gebrechlichen alten Herren und seine propere Krankenschwester: „Claudia Schlüter (im Rollstuhl) wird heute 100 Jahre alt. Gepflegt wird er von Schwester Volker.“

Und jetzt endlich die gute Nachricht: Es gibt die Geschichte unter www.prinzessinhorst.de zum Angucken und Nachlesen. Und auch wenn sie als lustiger Beitrag zur Gender-Debatte gemeint ist: Mir fallen besonders die ältlichen Namen auf, die hier zelebriert werden, allen voran Horst. Niemand würde wohl heute auf die Idee kommen, sein Kind (ob Sohn oder Tochter) so nennen zu wollen. Dabei sind Bedeutung (aus dem Niederdeutschen für „Wald, Gehölz, Dickicht, Gebüsch“ und Geschichte (vor 1905 fast ausschließlich in Adelskreisen verbreitet) zunächst mal gar nicht so übel. Es war dann aber wohl die NS-Zeit, in der Horst ausgehend von der Verklärung des SA-Mannes Horst Wessel außerordentlich populär war, die diesem Namen das Genick gebrochen hat.

Heute sind Horst und als Steigerungsform Vollhorst zum Schimpfwort verkommen (eine ähnlichen Abstieg kennt man von Thusnelda, Kurzform Tussi). Tine Wittler war vielleicht vom Pixititel inspiriert, als sie 2002 ihren Roman „Die Prinzessin und der Horst“ veröffentlichte. Jemand, der den Horst in sich konsequent auslöschte, ist auch der Kinderbuchautor Janosch (Jahrgang 1931): Er heißt eigentlich Horst Eckert.

Autor:

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

9 Kommentare zu "Mein allerliebstes Pixibuch"

  1. Mark sagt:

    Interessante Information zum Namen Horst!

    Hatte ganz vergessen, dass der Name auch als Schimpfwort gebraucht wird, aber jetzt erinnere ich mich dann wieder, auch selbst mal „du Horscht“ genannt worden zu sein…

    Schade um den Namen–eigentlich ein schoener Naturname.

    Muss ehrlich gestehen, dass mir das ganze Gender-Bending in der heutigen Kultur auf die Nerven geht. Aber da oeffne ich ja vielleicht jetzt eine „can of worms,“ wie ich im Englischen sagen würde, ohne das mir das entsprechende deutsche Idiom dazu einfällt….

    • Knud Bielefeld sagt:

      Du hast „in ein Wespennest gestochen“.

    • Schtroumpfette sagt:

      oder „eine Lawine losgetreten“

    • Mark sagt:

      Danke, Knud und Schtroumpfette–diese ganzen vergessenen deutschen Idiome moechte ich jetzt mit der Zeit wiederlernen.

      Ich habe sehr starke Meinungen, deshalb muss ich mich immer davor hüten, nicht ständig unnoetig in Wespennester zu stechen und Lawinen loszutreten…. Wobei hier in Deutschland der Kulturkampf ja nicht so intensiv zu sein scheint wie in den USA.

    • Annemarie sagt:

      Der Vollständigkeit halber: man kann auch „in ein Wespennest greifen“ sagen 🙂

  2. amk sagt:

    Ich glaube -und da würde ich mich nicht ausschließen- für geschlechtsübergreifende Namen ist Deutschland noch nicht reif 😉
    Obwohl es durchaus Jungennamen gibt (bzw. hier fast ausschließlich an Jungen vergeben werden), die für meine Ohren eher nach Mädchen klingen als nach Junge wie z.B. Robin oder manche nordische Namen.

  3. Knud Bielefeld sagt:

    Ich bin nicht der Meinung, dass der Name Horst „ausgehend von der Verklärung des SA-Mannes Horst Wessel“ so beliebt war. Horst ist Anfang des 20. Jahrhunderts langsam in Mode gekommen und war schon 1923 in den Top 10 der häufigsten Jungennamen. Bis 1934 ist der Name an die Spitze der Vornamenstatistik geklettert und hat dann langsam wieder Plätze verloren. Noch bis in die 1950er Jahre wurde der Name häufig vergeben. Das entspricht einer ganz normalen Modenamenentwicklung vergleichbar mit Günther (Top in den 1920ern), Thomas (1960er) und Christian (1980er). Wenn Horst Wessel so einen großen Einfluss als Namensvorbild gehabt hätte, würde ich einen großen Sprung nach oben ab 1933 erwarten und einen plötzlichen Abfall ab 1942 (so wie es beim Namen Adolf zu sehen ist).

    • Annemarie sagt:

      Vielen Dank für den Hinweis, Knud! Da war ich wohl zu kühn bzw. habe nicht genug nach rechts und links geschaut … Immerhin soll Janosch aber tatsächlich nach Horst Wessel benannt worden sein.

      Der Name Horst passte offenbar einfach gut in die Zeit und hat sicher nicht zufällig hier seine höchste Platzierung erreicht. Dabei ist schwer zu sagen, wo der Einfluss von NS-Gedankengut anfing und aufhörte.

  4. Xenia sagt:

    In den 20er Jahren wurden einsilbige Männernamen populär, die vorher eher selten waren, Horst, Ernst, Heinz, Fritz, Hans, Kurt, Paul oder Rolf zum Beispiel. Einige waren vorher nur informell als Kurzform benutzt worden, Kurt für Konrad, Lutz für Ludwig oder Rolf für Rudolf beispielsweise, andere wie Ernst oder eben Horst waren ganz von allein modisch kurz und zackig.

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