Marlitt und das Heideprinzesschen

Dass es sie gibt, wusste ich schon länger. Aber seit ich sie neulich in einer lokalen Familienanzeige gelesen habe (als Name einer Enkelin), ist sie für mich viel realer geworden: Marlitt. Nicht Marlies (immer noch etwas altbacken), nicht Marit (skandinavisch-kronprinzessinnenhaft, 2012 immerhin auf Platz 198), sondern Marlitt. Laut dem Vornamensduden kam diese Orchidee unter den Namen erstmals in den 1920er Jahren auf, vermutlich als Verschmelzung von Maria und Melitta.

Melitta – eigentlich auch ein sehr hübscher Name, der Biene oder auch Honig bedeutet, durch den Erfolg des gleichnamigen Kaffeefilters aber quasi unvergebbar geworden ist. Oder? Wenn Melitta Bentz, die ihre Filter-Erfindung 1908 zum Patent anmeldete, das geahnt hätte … Maria soll „die Widerspenstige, die Ungezähmte“ bedeuten. Somit wäre Marlitt „die ungezähmte Biene“ oder zwar widerspenstig, aber auch süß wie Honig. Meinem Vater, dem Imker, würde das gefallen. Und Waldemar Bonsels, halbwegs prominenter Spross unserer Stadt, hätte „diese Biene, die ich meine“, deren Abenteuer er 1912 veröffentlichte, ganz gut Marlitt nennen können – und nicht Maja.

Mehrere Vornamen-Websites behaupten, Marlitt käme aus dem Schwedischen. „Mar“ stehe für das Meer, „Litt“ für klein, also kleines Meer. Bis mir jemand das Gegenteil beweist, halte ich dies aber für konstruiert (und dann voneinander abgeschrieben). Die schwedische Statistikbehörde, die es ermöglicht zu suchen, wie viele Schweden einen bestimmten Vornamen haben, kennt jedenfalls keine einzige Marlitt und nur eine Marlit. Marlitt scheint somit ebenso wenig schwedisch zu sein wie der hierzulande recht beliebte Name Madita (2012 auf Platz 208), eine Erfindung der Lindgren-Übersetzer.

Eugenie Marlitt

Eugenie Marlitt

Vielleicht gefiel es den Eltern der schwedischen Marlit (ein t) einfach, die sehr gängige Marit durch einen Extrabuchstaben zu individualisieren. Vielleicht bezogen sie ihre Inspiration aber auch aus Deutschland. Im 19. Jahrhundert gab es hier nämlich eine Bestsellerautorin mit dem Pseudonym E. Marlitt (zwei t), eigentlich Eugenie Friederike Christiane Henriette John (1825-1887), im Privaten auch Jenny (von Eugenie) oder Juno (von John) gerufen. Das Mädchen aus gutem, aber verarmtem Hause war Protegé einer Fürstin und wollte Sängerin werden. Eine mysteriöse Krankheit vereitelte dies, schließlich begann sie zu schreiben. Titel wie „Das Geheimnis der alten Mamsell“ oder „Das Heideprinzesschen“  erreichten über viele Jahre hohe Auflagen, brachten ihr Ruhm und Geld und könnten auch den Vornamen Marlitt mit angestoßen haben. Allerdings hieß es etwa im Brockhaus 1894, es mangele dem Werk der Marlitt bei aller Spannung und Lebhaftigkeit an „jedem feineren künstlerischen Reiz und tieferer poetischer Wahrheit“. Gemein.

Trivialliteratur hin oder her – mir gefällt an Marlitt gerade, dass sie nicht kitschig klingt. Wenn Mädchennamen mal ohne die Endung -a auskommen, wirkt das auf mich sehr erfrischend. Kleiner Nachteil, der sich gerade bei seltenen Namen auswirkt: Nicht jeder wird Marlitt gleich als (Mädchen-)Vornamen erkennen. War ja auch mal ein (erfundener) Nachname.

Thema: Namensgebung

Autor:

Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

1 Kommentar zu "Marlitt und das Heideprinzesschen"

  1. Jia sagt:

    Mir klingt Marlitt zu sehr nach „gelitten“.
    Marit gefällt mir da besser. Da steckt zwar auch „rit(t)“ drin, aber bei Marlitt hört man das doch viel eindeutiger raus, wie ich finde. Nicht meins.

Kommentieren