Alt und alt gesellt sich gern?

Beginnen wir mit etwas Denksport: Stellen Sie sich vor, es wäre Ihr Wunsch, Ihrem Sohn den Namen Ihres Opas oder Uropas als Zweitnamen mitzugeben. Nehmen wir dazu an, es handle sich um einen eher „mutigen“ Namen. Zum Beispiel um Wilhelm. Wilhelm erreichte 2012 in den Erstnamen-Charts Platz 312. Als Zweitname schaffte er es dagegen sogar auf Platz 72, was wohl zweierlei beweist: Zweitnamen genießen größere Narrenfreiheit. Und nicht wenige Eltern bejahen heute Familientradition.

Wilhelm

Häufigkeitsstatistik von Wilhelm als erster Vorname

Welchen Erstnamen soll der ausgedachte Knabe nun aber bekommen? Natürlich besteht die Möglichkeit, dass Sie einfach Ihren liebsten Jungennamen wählen, unabhängig von der Gesamtwirkung der Kombination, und den Zweitnamen als stumme Beigabe sehen. Sind Sie perfektionistischer, verfallen Sie vielleicht auf Paul. „Noch ein alter Name, aber heute viel gängiger – passt!“ Auch Carl, Jakob oder Friedrich gingen in die Richtung. Geht alles.

Mir persönlich ist diese Lösung fast zu einfach und in ihrer Wirkung zu gesetzt. Natürlich kann ein Kind heute wunderbar einen Urgroßvater- oder Urgroßmutternamen tragen und unser Zuordnungsschema bezüglich des Geburtsjahrgangs zeitweise (bis der Name richtig „in“ ist) auf den Kopf stellen. In der Kombination mehrerer Namen liegt aber auch die Chance, seinem Spross etwas Neues mitzugeben, ihn als Kind seiner Zeit erkennbar zu machen. Dazu muss es nicht gleich ein Jayden Wilhelm werden. Levi Wilhelm, Mathis Wilhelm, Silas Wilhelm könnte ich mir gut vorstellen – Kombinationen, die so bestimmt noch nicht im Stammbaum stehen. Oder etwas zeitloser: Julian Wilhelm, Florian Wilhelm.

Vielleicht ist der gestrenge Wilhelm ja ein Extrembeispiel, der besonders gut einen jüngeren Gegenpol vertragen kann. Auch sonst finde ich aber, dass im Jahr 2013 etwa auf Viktoria nicht zwangsläufig Luise folgen muss, nur weil man das aus der Geschichte (Kaisertochter, Schulschiff) noch so im Ohr hat. Zum Schluss ein kleiner Exkurs: Gibt es hier noch jemanden, der findet, dass Retro-Namen zu Müller/Meier/Schulze auf seltsame Weise älter klingen als zu selteneren bzw. nicht „typisch deutschen“ Nachnamen? Dabei trifft man Paul Schulz oder Karl Müller bestimmt in vielen Kindergärten. Aber ich werde mich schon daran gewöhnen.

Thema: Namensgebung

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Freunde und Kollegen von Annemarie Lüning kennen das schon: Bei Plaudereien mit der Mutter einer 9-jährigen Tochter landet man überdurchschnittlich oft beim Thema Vornamen.

2 Kommentare zu "Alt und alt gesellt sich gern?"

  1. elbowin sagt:

    Mir fällt auf, dass sich die „alten“ Namen vor allem an Kaisern und Königen orientieren. In der Sammlung fehlt jetzt nur noch „Eitel Friedrich“ oder „Eitelfritz“.

    Alte Namen, die nicht von gekrönten Häuptern getragen wurden (z.B. Dietrich) bleiben unbeachtet.

  2. Marie Luise sagt:

    Ich stelle mir bei so alten Namen immer die Frage, wie fühlt sich das Kind dabei, wenn es in die Schule kommt. Man darf es wohl andeuten, was einem so durch den Kopf geht als Frau, wenn ein Mädchen heute Emma heißt.
    Allgemein auch bei Karl, Traugott, Erdmann oder dem typisch bayerischen Alois in anderen Regionen. Die Liste wäre lang. Ein alter Name ist auch Marie Luise oder Louise, Viktoria oder Charlotte. Wilhelm ist ein Name wie Friedrich, Georg oder Heinrich, alles Königsnamen, warum auch nicht. Menschen nennen ihre kleine Fußhupe doch auch Nero oder Cäsar. Die Verantwortung der heutigen Elterngeneration läge wohl darin, wenn schon alt, einen Namen zu wählen der das Kind nicht schon von daher ins Abseits drängt. Ob sich ein junges Mädchen mit einem Dienstbotennamen wirklich glücklich fühlt?

    ML

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